Wenn ich einmal in eine Buchhandlung gehe oder „Frau Google“ nach dem Wort „Achtsamkeit“ frage, verschlägt es mir die Sprache über das, was da alles auftaucht und in welchem Zusammenhang es auftaucht.

In dem Buch „Big Five for Life“ finden wir eine ganze Reihe von Textstellen, in denen der Protagonist oder einer der Beteiligten Achtsamkeit übt. Er versteht sich oder andere dadurch besser.

Gerne möchte ich aufzeigen, warum dieses Wort „Achtsamkeit“ nicht nur „ in“ sondern auch „zeitgemäß“ ist und dann darüber nachdenken, was das über uns und unsere Befindlichkeit am Anfang des 21. Jahrhunderts aussagt.

Wir finden das Wort im Zusammenhang mit Persönlichkeitsentwicklung, Gewichtsabnahme, Suchtbekämpfung, u.v.a.m. Wir werden überschüttet von Informationen und Eindrücken. Permanent stehen wir vor vielfältigsten Entscheidungen und kommen häufig gar nicht mehr dazu, bewusst abzuwägen. Statt zu entscheiden, agieren wir einfach und ignorieren unsere wahren Werte, für die unser Herz schlägt. Wie oft erlebe ich es, dass ich mich selbst am Abend frage: „Warum hast Du das nun gemacht?  Eigentlich wolltest Du den Abend ja ganz anders verbracht haben“. Ich habe nicht getan wofür mein Herz höher schlägt, sondern eine andere Wahl getroffen! Wenn ich ehrlich bin, war es nicht einmal eine echte Wahl. Ich habe einfach nur unbewusst gehandelt.

Achtsamkeit üben

Meine Achtsamkeit trainiere ich persönlich derzeit ein- bis zweimal täglich. Das hat dazu geführt, dass ich in der jüngsten Vergangenheit, bei der Wahl zwischen zwei Möglichkeiten oftmals kurze Phasen bemerkt habe, in denen mich meine „erhöhte Achtsamkeit“ bereits gezwickt hat. Da gab es schon ein leises Raunen in meinem Kopf! Meist war es die Frage: „Willst Du das wirklich?“, die ich jedoch durch schnelles, beherztes Handeln überspielt habe. Geht Dir das auch an einigen Stellen so? Ich kenne da einige tolle Momente, in denen eine solche Erfahrung auch gut hinpasst: Beim Essen, beim morgendlichen Sport, beim Aufbruch nach Hause, .. Fallen Dir auch noch ein paar Gelegenheiten ein, in denen dieses Szenario auch bei Dir zu beobachten ist? Ich kenne das natürlich auch aus dem beruflichen Umfeld. Wir hören unsere innere Stimme nicht, obwohl sie sich „lautstark“ im Widerstreit mit ganz unterschiedlichen Erwartungen befindet.

Im 1. Kapitel des Buches „The Big Five for Life“ denkt Joe Pogret während einer Wanderung mehrfach an seinen Mentor Thomas Derale. Er folgt seinem Impuls und schaut nach der Rückkehr aus den Bergen sofort in seine emails, denn er hat die Erfahrung gemacht, dass häufiges Aufblitzen eines gleichbleibenden Gedankens eine Bedeutung für ihn hat. Im Umfeld solcher Gedanken hat er meist positive Nachrichten erhalten. Wäre er bei einem Kongress gewesen, im Arbeitsalltag verstrickt und hätte er nicht schon diese Erfahrung gemacht, er hätte seinem Impuls vermutlich keine Folge geleistet. Stattdessen wäre er unter Umständen noch ein paar Tage länger in Spanien geblieben, statt sich sofort auf den Weg zu seinem todkranken Freund zu machen.

Sicherlich gibt es immer wieder Menschen, die solchen Impulsen ebenfalls gefolgt sind. Sie haben dann jedoch die Erfahrung abgespeichert, dass den Impulsen nicht gute sondern schlechte Nachrichten folgten. Werde ich dann noch gern meinem Impuls folgen, wenn ich solche negative Erfahrungen gemacht habe? Es ist sicherlich so, dass wir von diesem Phänomen schon häufiger gehört haben. Auch die Wissenschaft hat sich diesem Phänomen schon aus unterschiedlichsten Perspektiven genähert, dazu vielleicht in einem andern Newsletter mehr. Letztlich bleibt die Bewertung an unseren Erfahrungen hängen. Sehen wir das Glas noch „halbvoll“ oder  schon als „halbleer“ an?  Achtsam geht Joe mit seiner immer wieder aufblitzenden Erinnerung um. Er hat in dieser speziellen Situation die Gelegenheit und die Bereitschaft, seinem Impuls aufmerksam zu folgen, statt sich ablenken zu lassen.

Sehnsucht nach Achtsamkeit

Das Wort „Achtsamkeit“ ist „in“ weil es aktuell in vielen Menschen eine Sehnsucht bedient. Wir alle möchten verbunden sein, eingebunden in tragenden Beziehungen, die wir im Alltag immer seltener spürbar haben.

In der Fülle vielfältiger Möglichkeiten verlieren wir uns immer häufiger in diesen Möglichkeiten, statt uns in ihnen zu finden. Je mehr wir uns verlieren umso drängender wird das Bedürfnis, uns wahrhaftig zu spüren. Es ist ein wenig so, wie ein kluger Mensch einmal sagte. “Es heißt zwar: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst! Aber die meisten Menschen vergessen den zweiten Teil des Satzes“. Ich füge dem Satz noch hinzu: „und prüfe vorher, inwieweit Du dich selbst liebst“.

Dieser kluge Satz ist ähnlich wie der folgende Satz der mir immer wieder in Unternehmensphilosophien begegnet: „Behandle Deine Kunden so, wie Du selbst gerne behandelt werden möchtest“ Ein Gedanke, der sehr viel von der eigenen Perspektive abhängig macht. Habe ich mit mir selbst Mitgefühl? Wollen wirklich alle Kunden wie ich behandelt werden? Wäre der Satz nicht besser aus der Perspektive des Kunden zu formulieren?  „ … wie der Kunde gerne behandelt werden möchte“!

Wenn wir Achtsamkeit üben, nehmen wir nicht nur uns sondern auch unser Umfeld anders wahr. Geben wir dem ausreichend Raum!

Die wirklich wichtigen Dinge

Am Anfang des 21. Jahrhunderts erlaubt unser Lebensstandard es uns häufig, aus der Fülle heraus zu agieren. Dabei kommt es darauf an, die passende Haltung zu entwickeln und eine wahrhaftige Wahl zu treffen. „Ent-Scheidung“ kommt vom Wortstamm her von  „sich von etwas trennen“, d.h. sich für etwas zu entscheiden und etwas anders dafür beiseite zu schieben, eben sich von etwas zu trennen. Genau dazu nehmen wir uns selten bewusst die Zeit. Uns fehlt in der Fülle die Übersicht. Manche befällt sogar die drängende Frage, „Warum kann ich nicht alles haben?“

Diesem Gefühl von „Mangel in der Fülle“ entspringt der Satz: „Wir verhungern vor gefüllten Fleischtöpfen“. Wir suchen etwas, das unseren Hunger stillt, das ist aber oft nicht das, was wir uns selber vorsetzen. Meist ist es etwas, was es eh nicht zu kaufen gibt. Die wirklich wichtigen Dinge sind meist nicht die Dinge, die wir getan haben sondern die, die wir nicht getan haben.

Diese oft vorhandene Fülle der Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts räumt uns in unserer Gesellschaft unendliche Freiheiten ein und macht uns doch immer wieder ob der Fülle ratlos. Achtsamkeit kann uns die Freiheit geben, solche Möglichkeiten zu erkennen und den Freiraum zwischen Reiz und Reaktion bewusst zu nutzen.

In diesem Sinne wünsche ich uns immer mehr Raum und Zeit für bewusste Entscheidungen, denn genau diese Chance schenkt uns unsere Achtsamkeit.