Geht es Dir auch so? Oft haben wir einen Herzenswunsch, der in uns schlummert und darauf wartet, hervorgeholt, erkannt und gelebt zu werden. Und immer wieder höre ich die Frage: „Das ist so groß, darf ich das auf meine Liste schreiben?“ oder „Es ist so groß, es macht mir Angst“.

Nun, darauf gibt es natürlich keine allgemein gültige Antwort. Doch was immer hilft ist der Rat, mit kleinen ersten Schritten anzufangen. Zu recherchieren, wo es jemanden gibt, der das, was ich möchte, schon getan, erlebt, gesehen hat. Und darüber zu reden. Immer wieder und aus dem Herzen. Was dann daraus entstehen kann, kann größer werden, als Du es Dir jemals geträumt hast.

Mein Mann war letzte Woche mit einem unserer Söhne in der Elbphilharmonie und hat an fünf Abenden nacheinander alle neun Beethoven Sinfonien gehört. Gespielt hat das „Orquesta Sinfónica Simón Bolivar de Venezuela“ unter Gustavo Dudamel. Die Geschichte dieses Orchesters hat mich tief berührt, und sie ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie aus einem Herzenswunsch etwas Riesengroßes entstehen kann.

Orquesta Sinfónica Simón Bolivar de Venezuela

Der venezolanische Dirigent und Visionär José Antonio Abreu war es leid, dass nur Menschen aus der oberen Gesellschaftsschicht, die „reiche Elite“,  in seinem Land Zugang zu klassischer Musik haben. 1975 gab es in Venezuela gerade einmal zwei Sinfonieorchester mit Musikern, die überwiegend aus Europa und Nordamerika kamen. Das wollte er ändern. Seine Vision war es, dass die musikalische Ausbildung zu einem Grundrecht wird und dass dadurch auch Kinder aus armen Verhältnissen eine Aufgabe, eine Perspektive bekommen.

Was war sein erster Schritt? Er hat klein angefangen und ein Orchester gegründet, das er nach dem südamerikanischen Freiheitskämpfer Simón Bolivar benannte. Durch viel Engagement und vor allem durch viel „darüber reden“ ist es ihm gelungen, die Regierung zu überzeugen, sein Projekt zu unterstützen und Mitstreiter zu gewinnen. So entstand das venezolanische Musikprogramm „El Sistema“ – ein System von Kinder – und Jugendorchestern. Die Nachfrage ist so groß, dass die Kleinsten manchmal auf selbstgebauten Pappinstrumenten ihre ersten musikalischen Schritte machen. Der Begeisterung tut das keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Fast täglich kommen die Kinder zum kostenfreien Musikunterricht, und sie spielen quasi vom ersten Tag an in einem Orchester ihrer Altersklasse.

Bis zum heutigen Tag haben unglaubliche 826.719 Kinder das Programm durchlaufen. Sie werden von über 8.000 Lehrern in 440 Zentren unterrichtet, und es sind über 1.600 Orchester entstanden. Aus diesen Orchestern gehen immer wieder Ausnahmetalente hervor, so wie Gustavo Dudamel, der bereits mir 18 Jahren Chefdirigent des Simón-Bolívar-Jugendorchesters wurde.

 „El Sistema“ –  ein soziales Projekt

Natürlich geht es bei all dem nicht nur um Musik, „El Sistema“ ist vor allem ein soziales Projekt, das dabei hilft, Kindern Halt und eine Perspektive zu geben. „Ein Orchester“, so sagt José Antonio Abreu, „ist in vielerlei Hinsicht mit der Gesellschaft vergleichbar. Jeder hat seine Rolle und hat Verantwortung für das Gesamtergebnis.“ Und unabhängig von der sozialen Herkunft oder der Hautfarbe wird sich gemeinsam für eine Sache engagiert.

„El Sistema“ hat mittlerweile Ableger in den USA, in Kanada und war in Deutschland Vorbild für Projekte wie „Jedem Kind ein Instrument“.

„Es ist so groß, ich weiß nicht, ob ich mich traue“ … jedes auch noch so große Projekt, jeder auch noch so große Herzenswunsch, fängt mit dem ersten Schritt an. Sei offen, wenn Dir solche Geschichten begegnen, fühle in Dich hinein, was Dich bewegt, was Dich anspricht, was Dir Inspiration ist, und dann hab Mut und gehe den ersten Schritt. Vergeude Dopamin! Dabei wünsche ich Dir viel Freude!

 

Bild: fotalia