Wir haben eine Menge fest programmierter Ablaufpläne in unserem Gehirn, die uns unseren Alltag wesentlich erleichtern. Jeder, der einmal versucht mit der anderen anstatt der gewohnten Hand die Zähne zu putzen weiß, wie schwer es ist, daran auch jeden Tag zu denken. Gedankenverloren greife ich morgens nach der Zahnbürste und erst nach den ersten Strichen fällt es mir auf, ich wollte das in den nächsten Wochen anders machen. Gerade heute ist es mir wieder passiert, ich wollte auf dem Weg ins Büro zwischenzeitlich aussteigen und kurz beim Steuerberater vorbeischauen. Der Artikel in der Zeitung war aber so interessant, da hab ich glatt die Station verpasst und bin dann erst 3 Stationen später ausgestiegen und zurückgefahren. Mein Autopilot war auf viele Stationen eingestellt. War es der Artikel in der Zeitung, die Gewohnheit erst ab Jungfernstieg ans aussteigen zu denken (denn meist schaue ich kurz von meiner Lektüre auf, wenn wir in die Station Jungfernstieg einfahren und weiß dann ich sollte ein Ende finden)?

Ich versuche diese Dinge immer wieder zu trainieren aber es ist nicht leicht. Dabei  stelle ich jedoch auch fest, dass manche Verhaltensweisen für mich leichter zu ändern sind als andere. Immer dort wo ich eine besondere Motivation mit der Änderung verbinde, wo  sich bei der Umsetzung eine Emotion oder ein Gefühl einstellt, da sind Veränderungen schneller umzusetzen. Ganz besonders ist mir das bei meinem morgendlichen Fitnessprogramm aufgefallen. Ich habe mir gesagt 5 Minuten gehen immer, da gilt die  Ausrede nicht, „ich habe keine Zeit“. Mittlerweile trainiere ich in der Regel 25 Minuten und wenn es mal „scheinbar“ gar nicht passt,  dann gilt heute  „10 Minuten gehen immer“.

Erfolg führt zu weiteren Veränderungen

Spannend war, dass mit diesem Erfolgserlebnis auf einmal auch andere Dinge  funktionierten. Ich konnte bei einer Packung Salzstangen mit einer Handvoll zufrieden sein, wenn ich die aus der Packung nahm und die Packung ganz bewusst weglegte. Ich konnte ein Fernsehprogramm beenden, und auch das späte Essen führte nicht zwangsläufig zu einer Orgie. Bis, ja bis ich in eine Situation kam in der ich müde, ausgelaugt und …war.  Ja Du kennst das wahrscheinlich auch: Vieles war  wie am Schnürchen gelaufen. Dann war auf einmal Schluss. Warum? Weil ich erschöpft war achtete ich nicht mehr auf mich, eröffnete zu viele Baustellen im Hochgefühl meiner neugewonnen „Selbstdisziplin“ und so kam eines zum andern.

Vorsicht: Selbsterschöpfung

Die Neurowissenschaft kennt dieses Phänomen als „Selbsterschöpfung“. Leider gibt es keine klaren Anzeichen wann dieses Phänomen auftritt, wann es also gut wäre bestimmten Situationen aus dem Weg zu gehen. Das Gehirn kommt an eine Grenze und schaltet auf Autopilot, die alte Gewohnheit ist immer noch fest verdrahtet und kann jederzeit, im „Notfall“ das Steuer übernehmen. Veränderung ist möglich, die vielen wundervollen Big Five Geschichten zeigen es täglich auf´s Neue. Unser Gehirn sucht immer nach einem Ausweg und bevorzugt dabei gerne den schnellst erreichbaren und am nächsten liegenden. Wir können uns darauf verlassen, nur bei einer Veränderung wollen wir ja gerade nicht den bekannten Weg sondern einen neuen Weg gehen, und da braucht unser Gehirn oft ein wenig länger um den neuen Weg als den effektivsten anzuerkennen. In Verbindung mit unseren Herzenswünschen  haben wir viel eher die Chance wieder auf Kurs zu kommen und nicht vollständig  aus den Augen zu verlieren.