Ich erinnere mich noch wie heute an unseren letzten gemeinsamen Abend. Ich kam entspannt nach Hause, alles war vorbereitet für einige Urlaubstage, denn mein Mann sollte noch einmal operiert werden und ich wollte ihn begleiten. An der Eingangstür stehend, lächelte ich ihm zu. Er fang mein Lächeln auf und strahlte über das ganze Gesicht. Seit seiner Krebsdiagnose hatte ich mein Lachen tief in mir verschlossen, Angst hatte stattdessen mein Leben besetzt.

Doch an diesem Abend genossen wir einfach die gemeinsame Zeit. Ein Abendessen zu zweit und eine romantische Komödie im Fernsehen. Nicht immer sind es die ganz großen Momente, die in Erinnerung bleiben. Es sind die Emotionen, die wir mit diesen Momenten verbinden. Für uns waren es an diesem Abend wohl Dankbarkeit, Freude, Hoffnung und Liebe, die uns getragen haben. Noch ahnten wir nicht, dass kein weiterer Abend zu zweit folgen würde. Es bleiben die Erinnerungen.

Unsere Lebenszeit ist begrenzt und alles was begrenzt ist, ist kostbar. Mir ist dies erst bewusst geworden, als es für uns zu spät war. Wir hatten gelebt, als ob wir unendlich Zeit hätten.

Heute unterstütze ich Menschen dabei, ihre Selbstbestimmung zu stärken und Lebenszeit mehr mit den Dingen zu verbringen, die ihnen wichtig sind. So viele Menschen sind in ihren Alltagsgewohnheiten, ihren Routinen gefangen, oft aus Angst vor Veränderung, teils aus Gleichgültigkeit, manchmal sogar aus Resignation. Wenn wir ein anderes, ein besseres Leben haben wollen, dann müssen wir uns entscheiden und erste Schritte gehen.

Bronnie Ware hat einige Jahre im Bereich der Sterbebegleitung und Pflege gearbeitet. Sie hat viele Gespräche mit Sterbenden geführt und die fünf Dinge festgehalten, die Sterbende am meisten bereuen. Meine Gedanken zu ihren Erkenntnissen möchte ich hier gern teilen.

„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben“

Es gibt so viele Menschen, die durchs Leben gehen und die meiste Zeit Dinge tun, von denen sie glauben, dass andere sie von ihnen erwarten. Glaubenssätze, die uns prägen und die wir seit der Kindheit nicht hinterfragt haben. Ja, es gehört Mut dazu, sich selbst zu hinterfragen: Was ist es, was mich wirklich ausmacht? Welche meiner Stärken, Talente, Werte möchte ich stärker leben? Wie kann ich das in mein Leben integrieren? Gespräche darüber zu führen, sich zu öffnen, gemeinsam Möglichkeiten ausloten – sei es in der Partnerschaft, in der Familie, im Beruf. Türen öffnen sich nur dann, wenn wir uns auf den Weg machen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.

„Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet“

Bronnie Ware stellte fest, dass viele Sterbende die gleiche Erkenntnis haben: zu viel gearbeitet zu haben und zu wenig gelebt – weil sie Angst hatten, nicht genug Geld zu verdienen, oder der Karriere wegen. Tatsächlich haben Forschungen ergeben, dass Menschen dann am motiviertesten arbeiten, wenn neben Interesse und Freude an der Arbeit, sie auch ihre Werte leben können und die Arbeit sie mit Sinn erfüllt. Und dabei ist es ganz gleichgültig, in welchem Bereich sie arbeiten.

Besonders spannend fand ich die Erkenntnis der Sterbenden:

„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken“

Sich verletzlich zu zeigen, dazu gehört wohl wirklich auch Mut. Doch unsere Gefühle spiegeln unsere Bedürfnisse wieder. Viele Menschen unterdrücken ihre Gefühle „um des lieben Frieden“ willen und lassen damit auch ihre Bedürfnisse nicht zu. Auch das kann dazu führen, dass wir über die Zeit Krankheiten entwickeln. Ich glaube, es geht sogar noch einen Schritt weiter. Auf der einen Seite sind es die unangenehmen Gefühle, die wir nicht immer verstecken sollten. Doch auch positive Emotionen wollen gelebt werden und das am Besten gemeinsam. Wenn wir Dankbarkeit, Freude, Inspiration, Interesse, Liebe – um nur einige Emotionen zu nennen – bewusster fördern, geben wir automatisch negativen Gefühlen weniger Raum.

Und dazu passt dann auch die nächste Erkenntnis:

„Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten“

Gemeinsam ist es oft am Schönsten. Freundschaften machen das Leben lebenswert und manchmal auch leichter. Gute Freunde sind Balsam für die Seele und auch ein wichtiges Mittel, um gesund zu bleiben oder auch schnell wieder auf die Beine zu kommen. Doch oft genug investieren wir nicht genügend Zeit, wenn mal wieder das Leben dazwischenkommt …

„Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein“

Das Thema „Erlaubnis“ teilen viele Menschen miteinander. Ganz oft erleben wir auch in unseren Seminaren, dass sich die Teilnehmer die Frage stellen: „Darf ich meine Herzenswünsche leben?“ Die Antwort darauf ist ein ganz entschiedenes „Ja“.  Wenn wir das tun, was wir von ganzem Herzen tun wollen, dann steigt unsere Lebenszufriedenheit. Und natürlich hat Glück auch eine soziale Komponente.  Viele unserer Herzenswünsche verbinden wir mit dem Fokus auf andere oder sogar auch auf die Gesellschaft. Es kommt darauf an, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen oder um es noch besser mit John Strelecky zu sagen: „Du bist der Entscheider deines Lebens“.

Lasst uns ein Leben kreieren, in dem es wenig zu Bedauern gibt, um am Ende mit einem Lächeln zu gehen.

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