Meine Kindheit war schön, dachte ich. Ich hatte zwar eine Mama, die ganz viel gearbeitet hat aber dafür einen Papa, der mich so sehr geliebt hat, wie ein Vater seine Tochter nur lieben konnte. An meine Jugend kann ich mich eigentlich kaum erinnern. Vielleicht weil meine Mutter starb, als ich 16 Jahre alt war und sich alles nur darum drehte. Vielleicht habe ich diese Zeit verdrängt, weil es so weh tut.

Die Realschule hab ich trotzdem gemeistert, eine Ausbildung zur Bürokauffrau absolviert und damit meinen Papa sehr stolz gemacht. Meinen Held, der nur sechs Jahre nach dem Tod meiner Mutter ganz plötzlich ebenfalls von uns ging. Und als wäre das nicht genug gewesen, hat der Krebs auch meinem Bruder nur drei Monate später das Leben gekostet. Manchmal mag ich das gar nicht erzählen, es klingt wie ein schlechter Scherz. Aber der Alptraum ist leider wahr. Ich bin so dankbar, dass mein damaliger Freund mir so treu zur Seite gestanden, meine ganzen Launen ertragen hat und mir trotzdem gezeigt hat, wie sehr er mich liebt.

Soo vergingen die Jahre, mittlerweile war ich 26, Single und Erzieherin (ich habe nochmal umgeschult) in einer Einrichtung bzw. Gruppe, dessen Erzieher*innen selbst so viele innere Konflikte hatten, dass sogar die Eltern es ihnen jeden Tag ansehen konnten. Ehrlich gesagt sah es in mir jedoch genauso aus. Der Verlust meiner Eltern und meines Bruders, eine tiefe Wunde, die nicht heilen wollte. Single, … da ist niemand, der dich in den Arm nimmt oder dir zeigt, wie sehr er dich liebt. Verwandte, die dir jeden Tag ihr eignens Leid klagen. Hatte ich schon eine Depression oder war ich kurz davor? Ich weiß es nicht. Was sollte ich mit meinem Leben anfangen? Alles schien so sinnlos und leer.

In der Kita hatten wir im Herbst dann eine Yoga-Fortbildung. Yoga, das machen doch nur die Verrückten, dachte ich. Bis ich mich vom Gegenteil überzeugen durfte, und dort fing meine Reise an. Heute weiß ich, dass alles seinen Grund hat. Also, der Grund, weshalb ich in diese Kita bzw Gruppe kam, in der wir als Kollegen nicht zusammengepasst haben, war die Yoga-Fortbildung, die mein Leben auf den Kopf stellen sollte! Die Lehrerin war übrigens eine Mama aus meiner Gruppe. Ach nee, was für’n Zufall!

Ich hatte mich dann zu einem Kurs bei ihr angemeldet und von nun an saß ich jeden Mittwoch Abend bei ihr in der Yoga-Schule und habe so einiges gelernt, mein Weltbild hat sich um 180 Grad verändert. Ich hab gelernt, dass ich die Autorin meines Lebens selbst bin und dass ich dem Leben vertrauen kann. Es passiert alles zu seiner Zeit, alles aus einem bestimmten Grund. Ich habe mich zur der Zeit (auch immer noch) sehr mit Persönlichkeitsentwicklung auseinander gesetzt und Bücher von John Strelecky sowie Podcasts von Laura Malina Seiler nur so verschlungen. Es tat und tut immernoch so gut und es heitert mich an dunklen Tagen immer wieder auf.

Und nun stellte ich mir die Frage erneut, was ich mit meinen Leben anfangen soll. Da klopfte mein Herzenswunsch wieder an: „Hallo, wie sieht es denn jetzt aus, bist du jetzt endlich mutig genug nach Australien zu gehen?“. „JA, DEFINITIV!“. Den ersten Stein ins Rollen gebracht folgten die anderen und dann stand es fest, man war das ein tolles Gefühl! Wie oft saß ich in meiner Jugend (daran kann ich mich doch noch erinnern) vor Info-Heften über Sprachkurse in England oder so aber hatte mich nicht getraut, es Wirklichkeit werden zu lassen… Ich glaube seit ich Englisch in der Schule hatte war das ein ganz großer Traum von mir. Aber ich hab mich immer gefragt „Wer bin ich, es zu tun?“. Aber in Wirklichkeit lautet die Frage doch:“Wer bin ich, es NICHT zu tun?“.

Was soll ich sagen, jetzt gerade sitze ich irgendwo auf der Nordinsel von Neuseeland und verfasse diese Zeilen. Australien liegt schon hinter mir, ich bin ein MACHER geworden und plane Großartiges für meine Zukunft! Im letzten Jahr habe ich so viele, positive wie negative, Erfahrungen machen dürfen und bin über mich selbst hinaus gewachsen. Ich habe Australiens Ostküste bereist, die Great ocean road und das Outback. Ich hab bei einem Hundezüchter gearbeitet, auf einer Hobbyfarm mit Kamelen, acht Hunden und noch vielen anderen Tieren, auf einer Schaffarm, hab eine Cowgirl Schule besucht und im Outback unter freiem Himmel geschlafen. In Neuseeland mir ganz allein einen Camper gemietet und die Nord- und Südinsel bereist, nächste Woche fange ich an, bei einer Autovermietung zu arbeiten.

Ich kann jetzt sagen „Ich liebe mich selbst“. Ich kann alles schaffen. Ich bin gut so wie ich bin. Ich habe tolle Menschen aus aller Welt kennengelernt und meinen Horizont erweitert. Ich lebe jetzt vegan, befasse mich mit Umweltschutz und achte darauf, so wenig Plastik wie möglich zu nutzen. Das alles fühlt sich so gut an, es tut gut ein Statement zu setzen. Ich weiß jetzt, dass ich niemals wieder so ein Gefühl der Ohnmacht akzeptieren werde und der Schmied meines eigenen Glücks bin.

Ich bin so dankbar für John, Laura, meiner Yoga- Lehrerin und allen Menschen, die mich in meinem Leben begleitet haben und immer noch begleiten. Heute sehe ich einen Sinn in dem Tod meiner Lieben und auch, wenn sich diese tiefe Wunde nie schließen wird und sie immer bei mir sind, bin ich dankbar für all das, was mir diese schwere Zeit im Nachhinein ermöglicht hat.

Ganz liebe Grüße
Kristin

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