Es war der 9. Mai 2019. Mit schnellen Schritten ging ich auf den Parkplatz zu. Am Auto angelangt, drehte ich mich noch ein letztes Mal um und betrachtete das große Gebäude hinter mir, in dem ich die letzten vier Jahr verbracht und meine ganze Zeit und Energie hineingesteckt habe. Der Tag war gekommen. Ich bedankte mich im Stillen für jede Erfahrung, die ich machen durfte, stieg in das Auto und fuhr direkt zum Flughafen. Ein paar Stunden später lag ich am Strand und grinste dem Pazifik entgegen. Der Pazifik grinste zurück.
Ich war frei!

Seit langer Zeit ist es ein Traum von mir, alleine eine längere Reise zu unternehmen. Am Liebsten nach Südamerika. Ich bin bereits recht viel gereist, auch in Nord- und Zentralamerika, aber eben nie alleine. Ehrlich gesagt hatte ich viel zu viel Angst alleine zu reisen und auf einmal komplett auf mich gestellt zu sein. Außerdem fühlte ich mich ja auch recht wohl, da wo ich war. Seit vier Jahre lebte ich in der gleichen Stadt und arbeitet in der gleichen Firma. In einer Firma, für die ich mich viel zu sehr aufopferte, weil es mein erster Job war und ich natürlich 150% geben und etwas erreichen wollte. Tatsächlich stand ich bereits mit einem Fuß auf der Karriereleiter, denn ich sollte als Führungskraft ausgebildet werden. Hervorragend! Alles erreicht!

Der Haken an der Geschichte? Eigentlich wollte ich für diese Firma gar nicht mehr arbeiten. Eigentlich wollte ich nicht 60 Stunden in der Woche arbeiten. Eigentlich wollte ich nicht jeden Tag zwei Stunden im Auto sitzen, um zur Arbeit und wieder nach Hause zu fahren. Eigentlich stimmten die Werte der Firma nicht mit meinen eigenen überein. Und eigentlich war ich in dieser Firma gar nicht mehr glücklich…

Puh, gar nicht so einfach, sich das einzugestehen. Schlimmer noch, sobald ich mir selbst diese unschöne Wahrheit gebeichtet hatte, konnte ich an nichts anderes mehr denken. Ich wusste, ich musste etwas an meiner Lebenssituation ändern.

„So wie ich das sehe, hast Du zwei Möglichkeiten“, sagte eine gute Freundin zu mir. „Entweder machst Du Karriere in einer Firma, in der Du nicht arbeiten möchtest, hast aber Sicherheit, verdienst gutes Geld und hohes Ansehen von irgendwelchen Leute, die Dich nicht interessieren und es wird Dir ganz okay gehen. Oder aber Du hörst auf Dein Herz und erfüllst Dir Deine Träume und es wird Dir richtig gut dabei gehen.“
Das brachte es ganz gut auf den Punkt würde ich sagen… Ich hatte mir vor Jahren einen Songtext tättowieren lassen, der mich sehr inspiriert hat und der mich daran erinnern sollte, meine Träume zu leben und die Person zu sein, die mir selbst gefällt, nicht die, die anderen gefällt. Genau das fiel mir nun wieder ein und ich schaute mir mein Tattoo an.

„Say who you are, say what you mean, question yourself are you really what you dream.“ („Hey Hey“ von Dispatch)

Boom! Da war er, dieser Aha-Effekt! Ich war definitiv nicht die Person, die ich mir erträumt hatte zu sein. Mir wurde schlagartig klar: Es ist an der Zeit, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen und nicht andere Leute Entscheidungen über mein Leben treffen zu lasssen. Es ist an der Zeit, nicht mehr nur der Passagier auf meinem eigenen Schiff zu sein, sondern der Kapität zu werden. Es ist an der Zeit, mir das zu geben, was ich selbst wirklich wollte und brauchte, um glücklich zu sein. Um ein erfülltes Leben zu leben.

Es kann nicht sein, dass wir so viel Zeit damit verbringen, uns auf den Moment vorzubereiten, an dem wir tun können, was wir wollen, anstelle einfach jetzt das zu tun, was wir wollen. Träume soll man nicht aufschieben!

Die Entscheidung war gefällt. Kündigen, meine Sachen packen und auf nach Südamerika! Nur mein Rucksack und ich.

Je näher das Abreisedatum rückte, desto größer wurde meine Angst. Ich fing an zu zweifeln, ob die Solo-Reise wirklich die beste Idee war.  Was ist, wenn ich einsam bin? Was ist, wenn ich mich verlaufe? Was ist, wenn ich ausgeraubt oder sogar entführt werde? So als blonde Frau fällt man schon etwas auf in Südamerika. Mein Verstand drehte einen ganzen Hollywood Film. Die Angst wurde so groß, dass ich gar nicht mehr genau wusste, wovor ich eigentlich Angst hatte. Also setzte ich mich hin und machte eine Liste über alle möglichen Szenarien, vor denen ich mich fürchtete, dass sie eintreten könnten. Zusätzlich schrieb ich zu jedem Szenario eine Maßnahme auf, wie ich die Angst unterbinden konnte oder im worst case, was ich tun würde, wenn eines der Szenarien tatsächlich eintreten würde. Als ich damit fertig war, erschien es mir gar nicht mehr so schlimm. Mir fiel mein Lieblingszitat aus dem Buch „Wiedersehen im Café am Rande der Welt“ von John Strelecky ein:
„Du wirst nie lernen zu surfen, wenn Du nicht ins Wasser gehst.“

Und so begab ich mich ins Wasser…

Seitdem sind vier Monate in acht verschiedenen Ländern vergangen. Ich bin in Wasserfällen geschwommen, bin von Klippen gesprungen, bin durch Regenwälder, Wüsten und Schnee marschiert, bin auf Berge gewandert (sogar einen 6.000m Berg in Bolivien), habe Wildpferde gesehen, habe gezittert vor Kälte und geschwitzt vor Hitze, habe die schönsten Sternenhimmel und Sonnenuntergänge gesehen, habe an einer Vipassana Mediation teilgenommen und zehn Tage geschwiegen und meditiert und habe Freundschaften fürs Leben geschlossen. Keines meiner Angst-Szenarien ist eingetreten. Ich glaube, man kann fast an einer Hand abzählen, wie oft ich tatsächlich alleine war. Man lernt so unglaublich schnell Menschen kennen, wundervolle Menschen, die auf der gleichen oder einer sehr ähnlichen Frequenz schwingen wie man selbst. Man zieht nun einmal wirklich das an, was man ausstrahlt. Und ich strahlte pure Glückseligkeit aus. Und die Glückseligkeit strahlte zurück.

Ich habe mir ein großes Big Five for Life erfüllt. Ich habe meine lang ersehnte Reise durchgezogen und außerdem habe ich mich meinen Ängste gestellt. Dadurch ist ein neues Big Five for Life enstanden: Ich möchte so oft es geht aus meiner Komfortzone ausreißen. Ich genieße es nun, neue Dinge auszuprobieren. Ganz nach dem Motto: Einfach mal machen!

Kaum noch vorstellbar, dass ich zu Beginn so viel Angst und Zweifel hatte. Doch ich bin auch dankbar für die Angst. Ängste und schwierige Ereignisse in unserem Leben können der Ausgangspunkt der besten Reise unseres Lebens werden. Und das tolle an der Sache ist, sobald die Reise erst einmal anfängt, hört sie nie wieder auf. Wann wirst Du die beste Reise deines Lebens starten?

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